Innovationskultur

Der Motor aus dem Valley

Ein Oberklassewagen, der mit Laptop-Akkus fährt? Mit dieser Idee hätte sich kein traditioneller Autobauer vorgewagt. Eine junge Tech-Firma aus dem Silicon Valley machte es einfach. Unternehmen aus der San Francisco Bay Region scheuen sich nicht vor vermeintlichen Verrücktheiten und besetzen so neue Märkte. Ein Motor ihres Erfolgs: ihre besondere Arbeitskultur.

Elektrisiert: Silke Grosse-Hornke hat ein neues E-Mobil „Made in Silicon Valley" getestet.

Lange Zeit waren Elektroautos nicht massentauglich – zu teuer, zu schwach in der Reichweite. Vor rund zehn Jahren kam Bewegung in den Markt, mit einem technischen Coup: Das Start-up Tesla setzte kurzerhand Laptop-Akkus als Stromspeicher ein, die im Vergleich zu anderen Batterien besonders viel Energie bündeln. Bei moderater Fahrweise kommt man mit einer Akkuladung rund 500 Kilometer weit. Das macht die E-Mobile von Tesla konkurrenzfähig zu Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren. Ein Weckruf für die großen Autobauer, die nun dabei sind, mit eigenen Modellen nachzuziehen.

Tesla ist ein Beispiel dafür, wie Innovation aus dem Silicon Valley die Welt innerhalb weniger Jahre verändert. In der San Francisco Bay Area, so die geografisch korrekte Bezeichnung, kommen viele günstige Standortfaktoren zusammen. Über Jahrzehnte ist hier eine Tech-Szene gewachsen, zu der legendäre Garagen-Start-ups wie Hewlett Packard ebenso gehören wie junge Überflieger aus dem Internetbusiness. Das verlässliche Wachstum in der Region zieht Risikokapitalgeber und Talente aus der ganzen Welt an. Diese Vielfalt geht einher mit einem gesellschaftlichen Klima der Offenheit. Hinzu kommt exzellente Bildung: Viele Gründerkarrieren beginnen an der Stanford University in Palo Alto, die den Erfinder- und Unternehmergeist junger Talente gezielt fördert. All diese Einflüsse tragen zu einer besonderen Innovationskultur im Valley bei.

Was können sich Unternehmen außerhalb der Start-up-Szene davon abschauen? Hier sind fünf interessante Besonderheiten des „valley way of work“:


Eine Delle schlagen

Karriere bedeutet im Silicon Valley nicht in erster Linie Aufstieg und Statusgewinn. Erfolgreich ist der, der die Welt verändert – und das ist auch der Anspruch der meisten Unternehmen. Apple-Gründer Steve Jobs nannte das einmal pathetisch „eine Delle ins Universum schlagen“. Mitarbeiter wählen ihren Arbeitgeber danach aus, ob sie sich mit dem Unternehmenszweck voll identifizieren können. Häufige Jobwechsel sind normal. Lässt die Begeisterung nach, gilt das als guter Grund zu kündigen und weiterzuziehen. Denn wer nur seine Pflicht erfüllt, ist weniger kreativ, und das nützt weder dem Arbeitnehmer noch dem Unternehmen.

Das Valley liefert damit eine Vorschau auf die Zukunft unseres Arbeitsmarkts: Heutige und künftige Berufseinsteiger – die sogenannte Generation Y – hinterfragen den Zweck ihrer Arbeit stärker. Sinnstiftende Ziele zu setzen und diese glaubhaft zu vermitteln, wird daher für Unternehmen immer wichtiger, um junge Talente an sich zu binden.


Kurzen Prozess machen

Alles muss fix gehen. Meetings, die länger als eine Stunde dauern, gelten als Zumutung. Idealerweise verknüpft man Besprechungen mit einer Mahlzeit oder einem Spaziergang. Kurznachrichten via Messenger und Video-Chats sind beliebter als förmliche E-Mails. Unter Kollegen pflegt man außerdem die schnelle, persönliche Absprache – moderne Großraumbüros machen das einfach.


Teilen – und nicht herrschen

Es gilt als Ehrensache, anderen mit Rat und Tat zu helfen. Eine direkte Gegenleistung wird dafür in der Regel nicht erwartet. Das Valley funktioniert eher wie ein riesiges soziales Ökosystem, zu dem jeder das beiträgt, was er zu geben hat. Auf Umwegen profitiert jeder davon, wenn er sein Wissen und seine Kontakte teilt. Zu diesem alltäglichen Geben und Nehmen gehört auch, dass jeder für jeden ansprechbar ist. Standesdünkel zahlt sich nicht aus. Erfahrene Unternehmer engagieren sich gerne als Mentoren für ambitionierte Einsteiger.


Den Spinner rauslassen

Damit eine wirklich gute Idee entstehen kann, braucht man erst einmal sehr, sehr viele Ideen. Kreative Teams schaffen ein psychologisch sicheres Umfeld, in dem niemand seine Gedanken zensiert, bevor er sie in die Runde wirft. Alles kommt auf den Tisch – egal wie albern oder größenwahnsinnig es klingen mag. Das meiste mag verworfen werden, doch niemand verschwendet Energie darauf, einzelne Beiträge schlechtzumachen.


Gescheit scheitern

Mancher Dotcom-Milliardär prahlt geradezu mit seinen früheren Misserfolgen. Zum Beispiel setzte einer der Gründer des Bezahldienstes PayPal zuvor schon drei Unternehmen in den Sand. Während Scheitern in der europäischen Wirtschaft meist ein Stigma darstellt, wird sie im Silicon Valley akzeptiert, sofern die Verantwortlichen daraus lernen. Denn gerade die großen, umwälzenden Innovationen entstehen oft erst nach einigen Fehlschlägen.

Gut zu scheitern heißt: Das Scheitern nicht zu verschleppen, die Gründe für das Scheitern zu kennen und nicht das ganze Unternehmen zu gefährden. Bei der jährlichen FailCon-Konferenz in San Francisco stellen Unternehmer misslungene Projekte vor, von denen andere Teilnehmer lernen können.

 

Wenn Sie den Innovationskosmos Silicon Valley näher erkunden möchten, empfehlen wir ein Buch des österreichischen Unternehmers und Autors Dr. Mario Herger. Er lebt und arbeitet seit 2001 in der San Francisco Bay Area und hat sich nach anfänglichen Schwierigkeiten die Kultur des Valleys zu eigen gemacht:

 

Dr. Mario Herger
„Das Silicon-Valley-Mindset: Was wir vom Innovationsweltmeister lernen und mit unseren Stärken verbinden können“
Plassen Verlag, 2016 

 

Bildergalerie: Silke Grosse-Hornke hat ein neues E-Mobil aus dem Silicon Valley getestet. Mehr