Digitalisierung

Gib mir Fünf, Kollege!

Wenn Unternehmen in die Zukunft blicken, strahlt ein Thema besonders hell: die Digitalisierung. Es gibt viel zu gewinnen in der smarten Wirtschaft – aber auch zu verlieren, wenn der Wandel nicht gelingt. Eine behäbige Arbeitskultur und diffuse Ängste können den Weg ins Neuland erschweren. Wer im digitalen Zeitalter nicht abgehängt werden will, muss seine Mitarbeiter mit einem positiven und konkreten Zukunftsbild überzeugen.

Viele reden von Digitalisierung, aber sie meinen nicht immer dasselbe. Die einen fühlen sich schon in der neuen Zeit angekommen, weil sie zum Beispiel per Videochat mit Kollegen konferieren. Andere sind der Ansicht, Deutschland sei noch meilenweit von einer wirklich digitalen Arbeits- und Wirtschaftsweise entfernt. Der Begriff ist also nicht nur beliebt, sondern auch schillernd. Wir wollen darum klären, worüber wir an dieser Stelle sprechen. Unter Digitalisierung verstehen wir eine tiefgehende Veränderung in Unternehmen, getragen von neuen Technologien, die Mehrwerte schaffen. Solche Mehrwerte sind insbesondere: 

 

  • Neue digitale oder digital unterstützte Produkte für Kunden (z.B. smarte Hausgeräte)
  • Effizientere Abläufe durch Vernetzung, virtuelle Realität und Automatisierung (z.B. selbststeuernde Maschinen, künstliche Intelligenz)
  • Systematisches Sammeln und Analysieren großer Datenmengen („Big Data“, z.B. für gezielte Werbung)

 

Vor allem große Firmen investieren

Politiker, Ökonomen und Tech-Experten mahnen, deutsche Firmen dürften den Trend nicht verschlafen. Ohne digitale Runderneuerung sehe die Zukunft düster aus. Wir formulieren es lieber positiv: Die digitale Wirtschaft bietet Unternehmen ungekannte Chancen, noch produktiver zu werden, neue Geschäftsfelder zu erschließen und zu wachsen. Eine Botschaft, die Unternehmer und Manager sehr wohl hören – aber längst nicht jeder wird aktiv: Laut einer aktuellen Studie der KfW-Bank wollen 80 Prozent der großen deutschen Unternehmen in den nächsten zwei Jahren in die Digitalisierung investieren. Mittelständler sind deutlich zurückhaltender*. 

Dieses Zögern bedeutet nicht unbedingt, dass die Unternehmen wenig vorausdenken. Viele scheuen wohl auch den nächsten Schritt, weil der Weg ins digitale Neuland kein Spaziergang ist. Diese Mission will gut geplant sein, bevor man viel Geld in die Hand nimmt. Unternehmen müssen nicht nur technologisches Gepäck schultern, sondern auch psychologische Aspekte berücksichtigen. Unter anderem stehen den Mitarbeitern folgende Veränderungen bevor:

 

  • Von der Ingenieurskunst zur Entwicklerkultur
    Maschinen gelten als deutsches Vorzeigeprodukt. Doch in Zukunft wird die Ingenieurskunst allein den Erfolg nicht mehr garantieren. 3D-Drucker lösen traditionelle Fertigungsanlagen mit komplexen Werkzeugen ab. Vernetzte Haushalte verändern das Konsumverhalten: So soll die Waschmaschine der Zukunft zum Beispiel genau dann starten, wenn der Strom am günstigsten ist. Unternehmen müssen darum das Knowhow von Ingenieuren und Softwareentwicklern zusammenbringen. Und da prallen unterschiedliche Arbeitskulturen aufeinander.

  • Vom Perfektionismus zum agilen Arbeiten
    In klassischen Industriebetrieben kommt es vor, dass Produktentwickler monatelang vor sich hin werkeln. Bevor die Kunden eine Neuheit zu Gesicht bekommen, soll sie perfekt sein. Doch das heißt im Grunde nur: perfekt aus Entwicklersicht. Wollen die Käufer etwas ganz anderes, hat man viel Zeit und Geld für einen Ladenhüter eingesetzt. Im digitalen Zeitalter werden die Innovationszyklen immer kürzer. Agiles Arbeiten ist gefragt: Entwickler präsentieren ihren Kunden frühzeitig einen Prototypen (MVP – minimum viable product), der lediglich Mindestanforderungen erfüllen muss. In mehrfachen Testrunden mit den Kunden entstehen Innovationen, die den Bedürfnissen der Zielgruppe mehr entsprechen als jeder vermeintlich große Wurf. Mit dieser neuen Arbeitsweise müssen sich gelernte Perfektionisten aber erst einmal anfreunden.

  • Von der Zukunftsangst zur Technikakzeptanz
    Autonom arbeitende Produktionsanlagen verdrängen den Menschen aus den Fabriken. Intelligente Sprachassistenten ersetzen Callcenter-Mitarbeiter. Standardsoftware aus der Cloud macht Eigenentwicklungen überflüssig. Wenn das die Zukunftsbilder sind, die Mitarbeiter mit der Digitalisierung verbinden, ist es verständlich, dass Ängste entstehen. Das Management muss daher möglichst früh einen Gegenentwurf vermitteln, der zeigt: Richtig eingesetzt, ist Technik keine Bedrohung, sondern ein Segen. Sie ermöglicht eine neue Art zu wirtschaften und zu arbeiten, mit weniger Routinen und mehr Freiräumen.

 

Den Weg erklären, nicht verklären  

Wenn es dann losgeht mit dem digitalen Abenteuer, muss jemand die Steine aus dem Weg räumen und die Wanderer bei Laune halten. Ein stringentes Change Management leistet genau das. Bevor sich Ingenieure und Entwickler in die Haare bekommen, werden Rollen und Kompetenzen geklärt, gemeinsame Ziele und Werte erarbeitet. Change Management unterstützt die Mitarbeiter auch dabei, die Vorteile von agilen Arbeitsweisen zu erkennen und entsprechende Prozesse wirklich zu leben. 

Bleibt noch die eine große Frage, die sich viele Mitarbeiter stellen: Werden wir irgendwann überflüssig? Hier muss das Management eine überzeugende Change Story zur Digitalisierung entwickeln. Im Zentrum stehen gute Nachrichten: flexiblere Arbeitsmodelle, weniger Routineaufgaben, schnellere Ergebnisse und mehr Zufriedenheit. Es wäre jedoch ein Fehler, dabei die Anforderungen an die Mitarbeiter auszublenden oder zu unterschätzen. Die Unternehmensleitung muss klarstellen, welche Erwartungen sie hat. Eine Botschaft könnte lauten: Nicht jeder wird dauerhaft denselben Job machen, aber jeder erhält die Chance, seinen Platz in der neuen Welt zu finden. 

* KfW-Unternehmensbefragung 2017 – Digitalisierung der Wirtschaft: breite Basis, vielfältige Hemmnisse